Filiale von Leimen 1685-1750
Der neue Kurfürst Philipp Wilhelm (1685-1690) aus der Linie Pfalz Neuburg war Katholik. Er brachte katholische Beamte mit, bemühte sich aber um einen Ausgleich. Noch vor seiner Huldigung erließ er ein Verbot aller Religionsdispute und Streitigkeiten. Leider fällt in diese Zeit eine der sinnlosesten und grausamsten Zerstörungen. Wegen angeblicher Erbansprüche läßt der franz. König Ludwig XIV die Pfalz niederbrennen. Am 28. Januar 1689 wurden auch in Sandhausen sämtliche Häuser durch die Reiter Mélacs in Brand gesteckt.
Erst mit dem Friedensschluß von Ryswick (1697) hatte das Leid der Bevölkerung ein vorläufiges Ende. Inzwischen war Johann Wilhelm (1690-1716) Kurfürst. Die Menscher waren trotz gemeinsam erlebter Not und Gefahr unduldsamer gegeneinander geworden. Der Kurfürst zeigte nicht mehr die Toleranz seines Vaters und bevorzugte eindeutig die Katholiken. Allerdings war die Zeit vorbei, in der der Landesherr einen Religionswechsel erzwingen konnte. Auch zwischen Lutheranern und Reformierten kam es zu Spannungen. Zu den Katholiken, die seit der Gegenreformation im Dreißigjährigen Krieg noch im Lande wohnten, kamen neue. Die völlig geschwächte Diözese Worms konnte kaum Geistliche stellen. So hatte schon Philipp Wilhelm bei seinem Regierungsantritt Jesuiten und Karmeliter ins Land gerufen.
1698 wurde den Franziskanern ihr altes Kloster wieder eingeräumt. Der Heidelbergstich von Merian aus dem Jahre 1620 zeigt die Klosteransicht zu Füßen des Schlosses. Nach der Zerstörung durch die Franzosen wurde das Kloster in seiner alten Form wieder aufgebaut, was uns ein Kupferstich von 1787 bestätigt. (Nach 1803 wurde es abgerissen. Beim Bau der Tiefgarage am Karlsplatz wurden Fundamente des alten Klosters freigelegt.) Über mehr als 100 Jahre stellte das Heidelberger Franziskanerkloster die Seelsorger für Leimen und seine Filialorte.
1698 legt ein Franziskanerpater aus Heidelberg das Kirchenbuch für Leimen an. Titel und Eintragungen sind lateinisch. Liber Baptiratorum, Copulatorum, Mortuorum necnon Conversorum per A P. Franciscanos Missionaries in Nüßloch, Laimen, Sandhaußen, Sanct llgen, Rohrbach (Eingefügt Pleikartsforst, Lingenthal) und Kirchheim ab Anno 1698 Die erste Eintragung bezieht sich gleich auf Sandhausen: Anno 1699 die 4. Januarii in Sandhausen baptizata est ex legitimo thoro honesti viri Caspari Rincker et Catharinae Rinckerin Amantissima filia Anna Barbara Rinckerin. patrina erat multum virtuosa Anna Barbara Rauchin protempore praetorissa. Am 4. Januar wurde Anna Barbara Rinckerin in Sandhausen getauft. Ihre Patin war die Frau des Schultheiß. Die Zahl der Taufen ist anfangs gering: 4 im Jahr 1699, dann bis 1721 im Höchstfall 3 (für Bruchhausen läßt sich ähnliches sagen). Eheschließungen sind es ein bis zwei pro Jahr; letzteres bleibt auch im Durchschnitt der Jahre bis 1765, während die Zahl der Taufen mehrmals 10, einmal sogar 11 beträgt. Bis 1720 ist im Durchschnitt eine Beerdigung, nur 1718 sind es 5. Eine Statistik von 1727 (145/364) zählt in Sandhausen 293 Personen, darunter 78 Katholiken.
Die Zuständigkeit der Franziskaner, die bis zur Aufhebung ihres Klosters (1802) die Seelsorge versahen, wird mehrmals bestätigt; auch sonst sind die Urkunden aus den Kompetenzbüchern für uns interessant. 1709 (63/18b) heißt es: »Die Pfarrey Laymen wäre mit dieser Pfarrey (gemeint ist Nußloch, das inzwischen einen eigenen Geistlichen hatte) wohl zu combinieren, es haben aber Ihro Churfürstl. Durchlaucht gnädigst befohlen, daß die P. P. Franciscani fernerhin bey ihrer bisherigen Bedienung der Pfarrey Laymen, bis auf weitere Verordnung gelassen werden sollen.... Denen P. P. Franciscanis bleibt ihre bisherige Competenz wegen Versehung der Pfarrey Laymen samt deren Filialen Sandhaußen, Kirchheim, St. Ilgen, Rohrbach. «1728 (63/21 Seite 211) lesen wir: »Den Pfarrdienst versehen die H. H. P. P. Franciscani zu Heydelberg ... Zu dieser Pfarr gehören noch die verschiedenen Orte als Rohrbach, Kirchheim, Bruchhausen, Sandhausen, St Ilgen etc. .. . es wird aber nirgends als zu Leymen der Gottes dienst gehalten, außer daß zu St. Ilgen allwo den Catholischen die Kirch zugefallen, die Kirchweye dann wann gottesdienst und im übrigen bey nothfällen mit nöthiger Versehung an hand gegangen werde, der weiteste Ort ist 3/4 der nechste 1/2- Stund von Leymen«.
Von 1690 bis 1705 war der Gottesdienst auf Befehl Kurfürsten in der Kirche der Reformierten; über die Gottesdienstzeiten mußte man sich einigen. 1698 wurde ein eigener Altar vor den der Reformierten gestellt. Nach der Religionsdeklaration von 1705 bekamen die Katholiken kurfürstliche das Kelterhaus in der Nußlocher Straße als Kirche. Das Gebäude war in einem schlechten Zustand, es regnete herein, der Altar stand unter Wasser. Einmal (1721) war der Wassereinbruch so stark, daß die Leute bei der Kommunion im Wasser knieten. 1725 war der Aufenthalt mit Lebensgefahr verbunden. Man riß das Kelterhaus ab und begann mit dem Bau einer Kirche nach Planungen von Baumeister Breunig. An den Fronfahrten mußten sich die Nichtkatholiken beteiligen. Zu den Baukosten wurden auch die Filialen herangezogen. 1727 war die Einweihung. »In feierlicher Prozession zogen die Gläubigen zum Gotteshaus. Vom Berge donnerten Böller, aus den Häusern gab man mit Flintenschüssen der Freude Ausdruck. Der Gemeindewald hatte die Birken gestellt, um die Straßen zu schmücken, und die Kinder streuten Blumen. Voran schritt die weltliche Behörde mit dem Centgrafen Cuntz an der Spitze, dann folgte Pater Antonio unter dem Baldachin, umgeben von seinen Ministranten. Zahlreiches Volk aus Leimen und der ganzen Umgegend, vor allem auch aus den Filialen, schloß sich an. Durch die Eingangspforte, die stolz den Baubeginn 1725 verzeichnet, ging es in das Kircheninnere zum Festgottesdienst, und das Kirchlein konnte an dem Tag kaum alle Gläubigen fassen.
Nun hatte die Gemeinde auf lange Jahre hinaus ein Gotteshaus, das, wenn es auch klein war, den Bedürfnissen genügte. Der Dachreiter war ein Zwiebelturm, in dem ein Meßglöckchen hing. Die Glocken, die zu sonstigen kirchlichen Handlungen riefen, waren die der reformierten Kirche. Im Innern wurde nach und nach alles aufs Beste eingerichtet ... nur die Filialisten gaben darin ein schlechtes Beispiel. Immer wieder mußten sich die Geistlichen beschweren, wie lax sie in der Ausführung ihrer gesetzlichen Pflichten und Leistungen waren und ohne mehrfache Mahnung überhaupt nichts gaben«[8]. (Bis 1921 als Gotteshaus benutzt, wurde die Kirche inzwischen abgerissen).
Nachdem bisher die Patres immer aus Heidelberg kamen, wohnte der zuständige Pater ab 1731 in Leimen. In Sandhausen wird 1742 an der Stelle, an der früher einmal das Pfarrhaus stand, ein neues Rathaus errichtet. Vom 6. April dieses Jahres haben wir eine Urkunde mit einer Bitte der katholischen Gemeinde »damit ihnen erlaubt werden mögte, anß alldasigem new erbauten Rathhauß künftighin ihren Gottesdienst halten zu dörften«. (229/91215).

